Wanderherde - Baselland

März 2022 - Die letzten Tage mit der Herde

Bald ist die Winterwanderweide 21/22 zu Ende. Ein klarer, kalter Morgen. Die Luft ist frisch, die Vögel pfeifen und die Schafe weiden zufrieden. Ein Moment zum Innehalten, Dankbarkeit und Frieden im Herzen spüren. Die Ruhe in der Herde lässt mir Zeit, Gedanken während dem Hüten aufzuschreiben.

Der Unfall von Wamiro und der Kriegsausbruch in der Ukraine haben mir die Vergänglichkeit spürbar gezeigt. Ich versuche, viel bewusster zu leben - da sein im Hier und Jetzt. Dinge, die nicht gelingen wie ich es mir in den Kopf gesetzt habe weniger wichtig zu nehmen. Mehr Liebe und Freundlichkeit zeigen, Menschen mit einem Lächeln begegnen, offen sein für Begegnungen.

 

Heute, mehr als zwei Monate nach Wamiros Tod spüre ich, wie ich mich verändert habe. Verlust, Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit zulassen. Mit der Angst des Vergänglichen leben - heute mehr denn je. Es kann uns auch härter treffen. Das Weltgeschehen zeigt es uns.

 

Wenn aussen alles wankt und die Sicherheit des Gewohnten verloren geht, etwas Geliebtes einfach weg ist - dann führt der Weg ganz nach innen. Die Kraft, welche ich zum Weitermachen spüre, kommt von innen. Gerade jetzt, wo sich alles auf der Welt verändert, Ängste und Unsicherheit den Alltag prägen ist es so wichtig, dem Frieden, der Ruhe und der Dankbarkeit Raum zu lassen.

Cayu, der braune strubbelige Wirbelwind, manchmal kaum führbar hat mir gezeigt, wie sich ein Lebewesen verändern kann, wenn ich ihm offen und liebevoll begegne. Kein Lebewesen hat mehr Triggerpunkte in mir geweckt als er. Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal so gut zusammen arbeiten, dass wir einen gemeinsamen Weg finden und ich ihm so vertrauen kann.

 

Heute, auf dem Weg zurück zum Betrieb sind nur die Schafe, die Hunde und ich. Cayu steht an der Kreuzung, leitet die Schafe richtig auf dem Weg. Ich Strahle vor Freude, weil wir gemeinsam etwas erreicht haben. Auch Farrell nimmt seine Verantwortung mehr und mehr war. Er ist jung, energievoll und seine Freude am Arbeiten ist wunderbar.

Unglaublich, wie die Zeit vergeht und die Winterwanderweide 21/22 endet! Erinnerungen bleiben, manche lösen noch Tränen aus, manche zaubern ein Lächeln ins Gesicht, manche erheitern, manche lassen mich staunen - Erinnerungen, welche im Herzen wohnen.

 

Ich danke allen, die mich diesen Winter unterstützt haben.

 

Ohne die fleissigen Hände vom Betrieb und die Bereitschaft, jederzeit zur Seite zu stehen wäre es für mich nicht möglich, die Schafe zu betreuen.

 

Ich durfte zahlreiche warme Essen geniessen und schöne Gespräche führen. Danke.

 

Die Mutterschafe haben viele Lämmlein geboren, welche gesund und aufgeweckt sind.

Ich bin dankbar für diese Zeit. Nun wünscht die Schafhirtin allen Leser/Innen Zeit - Zeit zum Geniessen, Innehalten, den zu Vögeln lauschen, die Blumen zu bestaunen…

 

Ende März sind wir wieder im Wallis und starten die Beweidung im Naturpark Pfyn-Finges.

Februar 2022 - unglaublich, wie die Zeit vergeht!

Ich bin jeden Tag draussen unterwegs mit den Schafen und den Hunden. Bei Schnee, Wind, Regen und Sonnenschein. Immer wieder habe ich wunderbare abgelegene Futterplätze gefunden.

Oberhalb Liedertswil bei winterlichen Verhältnissen

Manchmal bekomme ich einen Kaffee und etwas Gutes dazu. Es freut mich sehr, wenn ich die bekannten Bauernfamilien wieder treffe. Über die letzten drei Winter ist eine Vertrautheit entstanden, es gibt immer wieder schöne Gespräche. Oft werde ich auch zum Mittag- oder Nachtessen eingeladen.

 

Seit dem 1. Januar ist das Ziehen mit der Herde anders. Wamiro, mein treuer Begleiter, wurde durch einen tragischen Autounfall aus unserer Mitte gerissen. Der Schmerz über den Verlust ist unendlich gross. Es kostete mich viel Kraft weiterzumachen.

Nicht mehr lange und bald ist dieser Winter zu Ende. Der Verlust von Wamiro hat mir gezeigt wie wichtig es ist, den Moment bewusst zu geniessen. Mich mit der Erde verbinden und die Schönheit der Natur in mich aufnehmen - auch wenn es hektisch wird. In den hektischen Momenten, in welchen überall Schafe sind und die jungen Hunde alles besser wissen würde ich manchmal die herausfordernde Arbeit am liebsten hinwerfen.

 

Dem inneren Sturm trotzen, die Ruhe finden und mich mit der Erde verbinden - ein Prozess, in dem ich mittendrin stehe und bereits kleine Erfolge spüren kann. Im Hier und Jetzt leben. Es kann so schnell ändern und dann sind die Momente Erinnerung. Gestern ist Geschichte - was wird sind Skizzen im offenen Buch.

 

Zusammen mit Wamiro habe ich meine Passion für das Schafehüten entdeckt. Gemeinsam haben wir so vieles erlebt und aufgebaut. Ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit mit ihm.

 

Wir vermissen dich, Wamiro! Sarah, Cayu, Farrell. Wir gehen mutig vorwärts.

November 2021 - Der Dritte Winter unterwegs mit den Schafen

Es braucht jedes Jahr aufs Neue die Bewilligung des Kantons für die Wanderherde. Alle Schafe und Hunde werden vor dem Start vom Veterinäramt kontrolliert. Der Kantonstierarzt bestätigt die Gesundheit der Tiere. Sind alle Formalitäten erfüllt steht dem Start der Winterwanderweide nichts mehr im Wege.

So bin ich seit dem 19. November 2021 wieder mit 400 Schafen, zwei Herdenschutzhunden und meinen drei Hütehunden im Baselland unterwegs. Der Start war mit spätherbstlicher, teilweise sonniger Witterung ideal. Nach einer Woche kam der erste Schnee. Nur wenige cm - aber es wurde deutlich kälter und nass. Immer wieder fielen Schnee oder Regen. Ich musste in tiefere Lagen ziehen. Zum Glück hatte es gutes Futter und die Schafe konnten sich jeden Tag sattfressen.

 

In der Nachbargemeinde wurden Ziegen durch den Wolf gerissen. Der Einsatz, dass mich die Herdenschutzhunde begleiten dürfen, hat sich gelohnt. Alfonso und Bella schützen die Herde.

Ich muss Winterstürmen trotzen, die Kälte aushalten und geduldig warten, bis die Schafe satt sind. Das braucht Durchhaltewillen - auch für die Hütehunde. Im Schnee sind die Schafe mit Scharren und Fressen beschäftigt und sind daher sehr ruhig am Ort. Für die Hütehunde gibt es so wenig Arbeit.

 

Und irgendwann zwischen Regen, Sturm und Schnee zeigt sich für wenige Stunden die Sonne und alle geniessen ihr Licht und die wohltuende Wärme!

Der Wetterbericht vom 12. Dezember 2021 verspricht eine trockene und teilweise sonnige Phase, die voraussichtlich mehrere Tage anhält.

 

Geniesse den Augenblick, zünde eine Kerze an und halte inne: Dankbarkeit ist beglückend.

 

Die Schafhirtin Sarah, die Hunde und die Schafe wünschen eine gesegnete Weihnachtszeit.